Vorwort
Der Skandal hat Hochkonjunktur. Dies fand Andreas Förster von der
Berliner Zeitung bei einem kleinen Experiment heraus. Er
gab den Suchbegriff ›Skandal‹ in das elektronische
Archiv ein, in dem alle Artikel der wichtigen deutschen Zeitungen
und Zeitschriften gespeichert sind. Im Jahr 1996 tauchte das Wort
in insgesamt 3879 Beiträgen auf. Zwei Jahre später waren es 4906.
Um die Jahrtausendwende konnte man bereits 6627 Artikel lesen, in
denen in irgendeinem Zusammenhang von einem Skandal die Rede war.
Im Jahr 2006 stieg die Zahl erneut auf 7125 Beiträge.
Wie ist diese erstaunliche Karriere des Begriffs zu erklären, der
auf das griechische skándalon zurückgeht, was wörtlich
Fallstrick beziehungsweise -holz bedeutet? Es gibt vier mögliche
Antworten. Zum einen könnte sich die Zahl anstoßerregender
Ereignisse innerhalb von zehn Jahren fast verdoppelt haben.
Vielleicht ist ihre Zahl aber auch gleich geblieben, und es werden
nur mehr Skandale aufgedeckt, weil die journalistische
Enthüllungspraxis effektiver geworden ist. Denkbar wäre, dass wir
sensibler für moralische Verfehlungen geworden sind und daher sehr
viel schneller von einem Skandal die Rede ist. Und schließlich
könnte es sein, dass der Begriff heute inflationär gebraucht wird,
um – mit dem schärfsten zur Verfügung stehenden Zornesschrei
– Aufmerksamkeit zu erregen. Wer ›Skandal!‹
ruft, sieht, so der Publizist Christian Schütze, nicht weniger als
die Weltordnung empfindlich gestört und appelliert an alle, sie zu
retten.
Stößt dieser Aufschrei auf genügend Resonanz, ist die Folge
allgemeine Empörung – das Kerngeschehen eines jeden Skandals.
Der Medienphilosoph Lorenz Engell spricht von einem
»Aufmerksamkeits- oder Beachtungsexzess. Wir empören uns, indem wir
einer Sache oder einem Ereignis mehr als nur Aufmerksamkeit widmen,
sie übermäßig beachten.« Der Skandal wirft ein Schlaglicht auf den
Zustand der Gesellschaft; er verrät viel über Normen, Tabus und den
herrschenden Zeitgeist. Die Schlüsselrolle kommt dabei den Medien
zu, ohne die es keine derart wirksamen Skandale gäbe. »Tag für
Tag«, so der Philosoph Peter Sloterdijk, »versuchen Journalisten
neue Erreger in die Arena einzuschleusen, und sie beobachten, ob
der Skandal, den sie auslösen wollen, zu blühen beginnt. Man darf
nicht vergessen, dass in jeder modernen Nation jeden Tag zwanzig
bis dreißig Erregungsvorschläge lanciert werden, von denen
naturgemäß die meisten nicht zu dem gewünschten Ergebnis führen.
Die moderne Gesellschaft ist zwar eine sehr
skandalisierungsfreudige Lebensform, aber sie nimmt nicht jeden
Skandalisierungsvorschlag auf. Die meisten Erregungsvorschläge
werden abgelehnt oder mit mäßigem Interesse studiert.«
Die Produktion ständig neuer Aufreger hat nicht zuletzt ökonomische
Gründe: Skandale sorgen für Aufmerksamkeit und damit für Auflage
und Einschaltquote. Zudem verleihen sie dem, der sie aufdeckt,
Macht. Medien, die einen Missstand anprangern, können gelegentlich
den Gang der Dinge ändern – oder zumindest einen Minister
oder Topmanager zu Fall bringen. Das macht den Reiz des Skandals
für viele Journalisten aus. Sie suchen das Ärgernis und geraten
dabei in Gefahr, ihre Beobachterrolle aufzugeben, Partei zu werden,
sich von der selbst ausgelösten Welle der Empörung mittragen zu
lassen. Dabei kommt es immer wieder zu medialen Betriebsunfällen
– die atemlose Jagd nach Skandalen produziert selbst
welche.
Was aber hat in welchem Kontext das Zeug zum öffentlichen Ärgernis?
Was nicht? Wem nutzt, wem schadet der Eklat? Und wozu führt er? Wie
lassen sich Skandale produzieren und kontrollieren? Wie wehrt man
sich dagegen, an den Pranger gestellt zu werden? Solche konkreten
Fragen stehen im Mittelpunkt dieses Buches. Nach Antworten haben
die Autorinnen und Autoren bei Menschen gesucht, die aus
verschiedenen Gründen Experten für dieses Thema sind. Weil sie etwa
wie der Soziologe Ulrich Beck die Gesellschaft und das, was sie
bewegt, seit Jahrzehnten beobachten. Weil sie wie der
Enthüllungsjournalist Hans Leyendecker oder der Undercover-Reporter
Günter Wallraff zahlreiche Missstände aufgedeckt haben. Weil sie
wie der Ex-Greenpeace- und heutige Foodwatch-Chef Thilo Bode oder
der Filmemacher Rosa von Praunheim wissen, wie man Skandale
provoziert. Weil sie wie der Lyriker Sascha Anderson oder der
Ex-Bild-Chefredakteur Udo Röbel über Skandale stürzten. Oder weil
sie wie der pr-Manager Dietmar Ecker und der Medienanwalt Matthias
Prinz professionell mit der Skandalabwehr beschäftigt sind.
Ziel der Gespräche war es, das Phänomen anhand aussagekräftiger
Beispiele aus möglichst vielen Perspektiven zu beleuchten, ohne die
jeweiligen Skandale in voyeuristischer Absicht zu verdoppeln. Ihr
Erregungspotenzial nimmt mit einer gewissen Distanz ohnehin
erstaunlich ab. Allerdings nicht für die Beteiligten, weshalb mit
etlichen Gesprächspartnern um die Deutung des für sie oft
schmerzhaften Geschehens gerungen wurde. Diese Arbeit der jungen
Autorinnen und Autoren, allesamt Studierende der Universität
Hamburg auf dem Weg in den Journalismus, hat sich gelohnt: Die
Interviews eröffnen erstaunliche Einblicke in die Logik und Macht
öffentlicher Empörung; nur in zwei Fällen scheiterten Gespräche.
Die in den 29 veröffentlichten Texten vertretenen Positionen
bleiben in vielen Punkten notwendigerweise strittig; die Haltungen
der Interviewten sind so unterschiedlich wie ihre Rollen und
Erfahrungen. Aus dem Kaleidoskop ihrer Einschätzungen ergibt sich
eine Phänomenologie des Skandals: subjektiv, emotional,
widersprüchlich und vielleicht gerade deshalb erhellend.
Eine Erfahrung, die die Mehrzahl der Gesprächspartner teilt, ist
die ungeheure Wucht öffentlicher Erregung. Während der Skandal in
aller Regel nach wenigen Wochen aus dem öffentlichen Bewusstsein
verschwindet, bleiben manche Skandalisierte ihr Leben lang
gezeichnet. Dies erklärt, warum es so mühselig war, bestimmte
Gesprächspartner für dieses Buch zu gewinnen – und sie dann
in überaus zähen, zuweilen Wochen dauernden Verhandlungen zur
Autorisierung des Gesagten zu bewegen. Einige Gespräche wurden
mehrfach und in Anwesenheit von Anwälten geführt.
Trotz – oder vielmehr: wegen – all der Hürden, die es
bei diesem Vorhaben zu überwinden galt, war es für alle Beteiligten
überaus lehrreich. Die jungen Journalistinnen und Journalisten
hatten Gelegenheit, einen zentralen Aspekt der Mediengesellschaft
aus nächster Nähe zu untersuchen. Sie lernten bei dieser Arbeit
nicht nur sehr unterschiedliche und oft bekannte Persönlichkeiten,
sondern auch die Kunst des Print-Interviews und alle Phasen der
Produktion eines Sachbuchs kennen. Und eine harte Prüfung sozialer
Fähigkeiten gibt es im Umgang mit Prominenten in der Regel gratis:
Wer ein verstümmeltes, entkerntes Interview – etwa von einem
übervorsichtigen Pressesprecher – zurückbekommt, braucht
Hartnäckigkeit, Fingerspitzengefühl und eine große Portion
professionelles Selbstbewusstsein, um den Text im
Autorisierungsprozess wieder zu reparieren.
Für die beiden Herausgeber ist es das dritte Lehrforschungsprojekt
dieser Art, bei dem jeweils eine zentrale Frage der
Mediengesellschaft journalistisch zugespitzt und gemeinsam mit
Studierenden bearbeitet wurde. Im Trendbuch Journalismus (2005)
untersuchten wir den Strukturwandel der Branche. Die Studierenden
befragten Sandra Maischberger oder Anne Will, Reinhold Beckmann
oder Michael Naumann, um herauszufinden, wie die Konjunktur- und
Strukturkrise auf die Publizistik durchschlägt und welche
Kompetenzen man in einem sich rasch wandelnden Berufsfeld benötigt.
Dann entstand das Buch Medienmenschen. Wie man Wirklichkeit
inszeniert (2007). Die Autorinnen und Autoren wollten von Joschka
Fischer wissen, welches Zeichen er durch das Tragen von Turnschuhen
bei der Vereidigung als hessischer Umweltminister setzen wollte;
sie befragten Andrea Nahles danach, wie genau sie ihre
Medienauftritte plant, oder diskutierten mit Ursula von der Leyen,
wie im Resonanzraum des Öffentlichen scheinbar authentische
Kunstfiguren entstehen. Der vorliegende Band hat den Skandal als
journalistischen Ernstfall zum Gegenstand. Auch mit ihm wollen wir
zeigen, wie sich in der universitären Journalistenausbildung die
Spannung zwischen Theorie und Praxis, akademischer Reflexion und
Handwerk produktiv nutzen lässt. Es sind Versuche, Projektarbeit
unter Marktbedingungen zu betreiben, die unsere eigene
Lehrtätigkeit verändert haben. Wir haben erfahren, welche immensen
Produktivkräfte echte Herausforderungen – im Gegensatz zu
Trockenübungen – entfesseln können und wie viel Energie und
welche Talente ernst gemeintes Vertrauen freisetzt. Wir haben in
den vergangenen Jahren erlebt, was passiert, wenn man Didaktik
durch Coaching ersetzt, Belehrung durch Kooperation, Denkergebnisse
durch Ereignisse, Resultate durch Erfahrungen, fertige Lösungen
durch reale Probleme.
Dieses Buch wäre ganz sicher nicht möglich gewesen ohne eine Reihe
engagierter Förderer, denen wir an dieser Stelle herzlich danken.
Frank Laubert von der Forschungs- und Wissenschaftsförderung der
Universität Hamburg hat uns unbürokratisch unterstützt und
erhebliche Mittel zur Verfügung gestellt, die Reisen im In- und
Ausland möglich gemacht haben. Unser Verleger Herbert von Halem hat
uns stets ermutigt und bestärkt – auch als der Zeitplan immer
enger wurde. Rüdiger Ditz, Chefredakteur von Spiegel Online,
gewährte Zugang zum Redaktionsarchiv und ermöglichte so intensive
Recherchen. Martina Sulner von der Hannoverschen Allgemeinen
Zeitung half uns geduldig beim Redigieren der Texte. Die
Schlussredakteurin und Dokumentarin Katharina Jakob prüfte mit
größter Sorgfalt alle in diesem Buch erwähnten Fakten. Besonders zu
danken haben wir allen, die sich Zeit für die Interviews genommen
haben. Und nicht zuletzt den Autorinnen und Autoren dieses Buches,
die gezeigt haben, dass sie können, was sie wollen: als
Journalisten arbeiten.
Jens Bergmann, Bernhard Pörksen
Hamburg, im Januar 2009